Dead or Alive - 2:1 für’s Leben

21. August 2008

Ein Bahnhof, ein Mädchen. Liebeskummer, Bahngleise, Rettung - vorerst.

Das Motto des Poetry Slams in der Bochumer Eve Bar schien an diesem Abend ein allgemeines Lebensgefühl zu sein. Während wir auf dem Weg zum Hauptbahnhof über die Oberhausener Marktstrasse zeitlich begrenzt lebensbejahenden Jecken aus dem Weg gingen, spielte sich dann am Bahnhof ein Drama ab, wie es wahrscheinlich täglich irgendwo in Deutschland stattfindet. Ich habe das bisher nur noch nicht miterlebt und davon diesmal auch nur die Hälfte, denn ich war am Telefon in ein Gespräch vertieft. Es entstand eine Unruhe, mein Begleiter schrie “holt sie da runter” und dann sah auch ich ein Mädchen am übernächsten Bahnsteig auf den Bahngleisen. Sie versuchte ihre Freundin von den Gleisen zu ziehen, die sich dort aus Liebeskummer zum Sterben hingeworfen hatte. Bevor mein Begleiter am Gleis angelangt war, zog ein junger Typ die Mädchen vom Gleis. Schock! Der mutige Junge war übrigens nicht der einzige an diesem Gleis und stand durchaus nicht am nächsten. Tot oder lebendig! Die meisten Leute scheint’s nicht zu interessieren. Schock!

Aber 1:0 für’s Leben.

Die Bahn kommt. Wir steigen ein. Uns gegenüber sitzt eine Fee Mitte 30, neben ihr Normalo. Beide auf dem Weg nach Essen Frohnhausen. Beide eher tot als lebendig (Karneval, das Leben an sich). Nächste Station: Batman oder so steigt mit zwei Knirpsen ein - definitiv lebendig. Vater-Batman zum Sohn: “Es gibt doch nichts, was wir uns noch wünschen könnten!” Sohn: “Doch, ein erfülltes Leben!” Dann die Predigt: “Du hast doch alles. Bist gesund, gehst zur Schule, wir fahren in Urlaub…. Andere Leute haben’s nicht so gut.” Er schaut zur Fee. Die Fee nickt. “Den Leuten in der Dritten Welt geht’s auch nicht gut!” Ich mische mich ein und erwähne, dass ich vor einer Woche in Kambodscha gewesen sei und die Leute dort im Vergleich zu uns zwar arm wären, aber ganz und gar keinen unglücklichen Eindruck gemacht hätten. Im Gegenteil! In Kambodscha sei er auch schon gewesen und in Thailand auch und in den USA auch und, und, und… Die Fee fängt an zu träumen. “Aber den Leuten in Tschechien, Polen und Slowenien(!) geht’s auch ziemlich schlecht. Habe ich gesehen!” Ich sage nichts. Er: “Ich liebe mein Leben!” Naja, ich versuche nicht, ihm sein Fehlurteil gegenüber Slowenien auszureden und freue mich, dass endlich mal jemand sein Leben liebt und das auch sagt!! Er hat sich an diesem Abend bestimmt nicht auf die Gleise gelegt. 2:0 für’s Leben!

Eve Bar am Schauspielhaus Bochum: Ich habe ja ein Schickimicki-Lokal erwartet. Da es im Gebäude des Schauspielhauses ist, war mir das glasklar. Stattdessen geht es erst treppab (ich liebe treppab-Kneipen bzw. bekommen die immer einen vorab-Pluspunkt von mir). Menschenmenge, die Theke war unser Ziel. So viele Menschen erzeugen ja Wärme und das macht durstig. Und durstig bin ich gar nicht gerne.

Sebastian 23 aka Sebastian Rabsahl ist Slammaster, daher Opferlamm und legt los. Es ging um Maulwürfe. Der Begriff Maulwurf sei schon von Heinz Erhard als zu ordinär empfunden worden, Erhard habe folglich Mundschmiss und Schnutenschubs vorgeschlagen. Sebastian 23 wiederum findet, der Name sollte noch viel schlimmer: Fressenschleuder z.B. oder Mampflukenmörsergranate… Wie er den Maulwurf sonst noch bezeichnen würde, könnte ihr in seinem Blog sehen.

“Dead or Alive” hieß es bei diesem Poetry Slam. Lebende Poeten treten gegen Klassiker der Weltliteratur an. Die toten Dichter werden dabei vom Ensemble des Schauspielhauses Bochum vertreten. Eine 6-köpfige Jury entscheidet, wer weiter kommt, gehen muss und wer gewinnt. Ich war gespannt, ob die Professionellen eine Schnitte gegen die lebenden Dichter haben. Charles Bukowski, Sarah Kane und Heiner Müller wurden durch Martina van Boxen, Katja Uffelmann und Thomas Anzenhofer zum Leben erweckt. Die Slammer waren mir alle völlig unbekannt. Schön, dachte ich, dann kann ich ja meinen Horizont erweitern. Und tatsächlich, ein Poet ist mir dauerhaft in Erinnerung geblieben. Andy Strauß aus Münster, der gegen das Establishment donnerte. Geliebtes Thema unter Slammern, aber mit viel Feuer umgesetzt. Charles Bukowski von van Boxen und Anzenhofer gelesen kam gar nicht rüber. Katja Uffelmann hat hingegen sogar die Slammer in den Schatten gestellt. Ganz klar war sie mit Sarah Kane die Gänsehaut-Queen. Und hat mich mehrfach an die Ereignisse dieses Abends zurückdenken lassen. Liebe, Wahnsinn, Tod. Das liegt doch manchmal so eng beianander. Sie hat zurecht gewonnen. Das erste Mal wohl seit bestehen des “Dead or Alive Poetry Specials” hat ein toter Dichter die Slam-Bühne erobert. Die manisch-depressive Sarah Kane erhängte sich 1999 mit 28 Jahren.

2:1.

Dieser Beitrag ist urprünglich auf theruhr.blogspot.com erschienen, den weltkind leider eingestellt hat. Heute habe ich mich an diesen Abend erinnert und den Text aus meinen Entwürfen gekramt. Entstanden ist er im Februar 2008.

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