Ich war mal Heidi

31. August 2008

“Ich war mal Heidi” hat wohl jeder, der mich kennt, schon mal gehört. Meine ersten drei Lebensjahre habe ich bei meinen Großeltern in Slowenien in den Bergen auf einem Bauernhof verbracht. Auf der Sonnenseite der Alpen. Eine schöne Zeit, von der mir noch viele Erinnerungsfetzen geblieben sind. Mit meinem Opa saß ich oft auf dem warmen Bauernofen, auf dem man auch wunderbar schlafen konnte. Er hat Mundharmonika gespielt oder mir irgendwelche Geschichten von Füchsen erzählt. Und er sagte immer wieder “Ich werde dir einmal einen Haufen Erde geben!” Ich habe lange Zeit gerätselt, was er wohl damit meint. Ich konnte mir nicht vorstellen, was an diesem Haufen Erde so toll sein sollte.

Ich habe mich in den Maisfeldern versteckt und meine Oma wahrscheinlich in Panik versetzt, weil sie immer lange brauchte, bis sie mich gefunden hatte. Ich liebte Vergißmeinnicht mit ihren bunten, vielfarbigen Blüten. Unser Schäferhund Rexi war mein bester Freund, der mich bei meinen ersten Gehversuchen unterstützt hat und in dessen Fell ich meine Kinderhand gekrallt hab, als ich mit Skiern einen kleinen Abhang runtergefahren bin. Ich hatte ein eigenes Schwein, dass hinterhältigerweise irgendwann geschlachtet wurde. Ja, nicht alles war perfekt.

Bei Spaziergängen mit meiner Oma im Wald haben wir ab und zu die Kräuterhexe getroffen, die mich, als ich älter wurde, zu meinem ersten Traumberuf inspiriert hatte.

Tagelang habe ich mal einen weißen glatten Stein mit mir rumgetragen, gehütet, gepflegt und bebrütet, weil meine Oma mir versichert hat, dass sei ein Ei. Ja, mit mir kann man so was ja machen ;)  Ich habe versucht auf einem Dreibein eine Kuh zu melken. Als sie mir mit dem Schwanz ins Gesicht schlug, war es aus mit der Kuhmelkerkarriere. Ja, das leben auf einem Bauernhof ist rauh.

Wenn Besuch kam, bin ich den Leuten entgegen gerannt und habe gerufen:”Wir haben einen Bullen! Wir haben einen Bullen!” Wer einen Bullen hatte, der konnte sich schon was drauf einbilden ;)
Manchmal durfte ich auch einen Ausflug ganz auf eigene Faust unternehmen. Meine Oma hat in einen kleinen Korb ein Stückchen Brot, ein bisschen Käse, Salami und eine kleine verstöpselte Flasche mit selbstgemachten Apfelsaft gepackt. Damit bin ich dann in die Ferne (vllt 500 Meter) gewandert. Mein Ziel war immer ein großer Baum mitten auf dem Feld. Darunter stand eine kleine Holzhütte. Ich habe diese Hütte geliebt. Schon der Weg dorthin war verbunden mit Aufregung und Vorfreude. In der Hütte habe ich meinen Proviant auf dem Holztischchen ausgebreitet und alles gegessen und getrunken. Manchmal habe ich das auch auf der Bank vor der Hütte gemacht. Mit dem Blick über das Feld, die Wälder und Berge. Und wenn ich fertig war, bin ich wieder heimgekehrt.

Natürlich gab es auch einen Peter. Der hieß aber Joze. Und war ein Junge und doof ;)
Heute weiß ich, was an diesem Haufen Erde so toll ist…


Illustration: Alpenmädchen von Diana Köhne

7 Kommentare zu “Ich war mal Heidi”

Chikatze sagt:
31. August 2008 um 15:30

Klingt nach einer schönen Kindheit! ;) Cool hier mit dem Hintergrundbild beim Kommentarfeld. Gefällt mir !:)

Minouri sagt:
31. August 2008 um 19:03

Da kann ich nicht mithalten, ich war da eher die “Klara” -> Großstadtkind, nix Erde, nix Baum, und schon gar kein Bulle :-/ Lesen sich jedenfalls sehr schön, Deine Erinnerungen :-)

Chikatze sagt:
1. September 2008 um 01:46

nee, ich war da eher auf klaudias seite…! ;) mehr natur und abenteuerspielchen. auch mal auf wanderschaft gegangen und so. und die natur bestaunt. höhlen gebautm, auf bäume geklettert… was man halt so braucht als kind! ;)

Klaudia sagt:
2. September 2008 um 10:55

ja, das war wirklich eine sehr schöne Kindheit. Wahrscheinlich kann ich mich deshalb an sovieles erinnern. Nach meinem 3 1/2 Lebensjahr ist diese Idylle ja ein bisschen ins Brökeln geraten: Umzug nach Kirchhellen, weniger Platz, weniger Grün, neue Sprache… Aber als Kosmopolit muss man sowas aushalten ;)

Cem sagt:
6. September 2008 um 09:11

Erinnert mich an meine eigene Kindheit am anderen Ende von Europa, Mittelschweden an der norwegischen Grenze, bei meiner Oma in den Sommerferien. Schön.

Thomas Arbs sagt:
9. Juli 2009 um 10:12

Wow. Ganz so viel konnte ich in meine Kindheit als Großstadtkind nicht hineinstopfen. Aber auch ich hatte zwei wundervolle Dinge: einen Großvater, und ein Segelboot. Mit meinem Großvater, er wurde 99 Jahre alt und begleitete mich bis in meine Jugend hinein, konnte ich herrliche Wanderungen und Ausflüge machen, ich habe ihn sehr geliebt. Und mit “Diogenes”, dem Segelboot meiner Eltern (mit Pantry und Kajüte, an Land wird sowas manchmal schon gleich “Yacht” genannt, um es von einem offenen Boot abzugrenzen - der Komfort ist an Land ungefähr einem Wohnwagen vergleichbar), sind wir jeden Sommer Dänemark rauf und runter gesegelt, in manchem Hafen kannte ich jeden Stein (über und unter Wasser). Den einen Sommer schien herrlich die Sonne, den nächsten hat es vielleicht nur geregnet, manchmal wurde ich seekrank, egal, für mich war es trotzdem phantastisch. Als meine Mutter später mal meinte, sie hätten mir in den Sommerreisen ja nicht viel von der Welt gezeigt, konnte ich das gar nicht verstehen. Für mich war es das Schönste, was man mit einem Sommer machen konnte.

Klaudia Pirc sagt:
9. Juli 2009 um 11:35

@Thomas ah, jetzt weiß ich woher dein Twittername kommt :) Den Sommer am und auf dem Meer zu verbringen ist großartig. Den Urlaub auf einem Segelboot zu verbringen ist auf jeden Fall eine besondere Erfahrung, auch als Kind, also wenn das nicht “Welt” ist, dann weiß ich auch nicht.

Ich kenne bisher nur die Variante “am Meer” und finde Segelboot fahren sehr interessant. Habe ich noch nie gemacht. Ich möchte es aber gerne lernen. Auch wenn ich das mehr in gewisser Weise sehr unheimlich finde, bin ich sehr fasziniert davon.

Einen tollen Großvater zu haben ist wunderbar!

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