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Finale Furioso – Zeigt her eure Schuhe!

Der Höhepunkt kommt vor dem Finale. Bei mir. In Bezug auf klassische Musik.

Gestern war ich das erste Mal in der Oper. Sicher nicht das letzte Event, dass ich auf meiner Todo-Liste für’s Leben abhake. ;) Im Theater Duisburg war ich mit zwei netten Begleiterinnen zur Premiere der Oper “Louise” eingeladen.

Eine Viertelstunde vor Beginn saßen wir auf unseren Plätzen. Während für die meisten die Oper in diesem Moment noch nicht begonnen hat, war ich schon elektrisiert. Ich liebe es, wenn klassische Orchester sich einstimmen. Dazu die murmelnden Stimmen der Besucher. Ich liebe das. Ich weiß, ich wiederhole mich.

Das Werk “Louise” von Gustave Charpentier ist vor mehr als Hundert Jahren uraufgeführt worden und war ein Riesenerfolg. Es geht um eine junge Frau, Louise, die sich von den Zwängen der elterlichen Obhut befreien will. Der Käfig in dem sie sitzt ist leider noch nicht einmal ein goldener. Denn die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen.

Louises Mutter
scheint Aufseherin oder Vorarbeiterin einer Näherei zu sein. Eine reife Frau, die die guten und erfüllten Jahre hinter sich hat, weil sie das pralle Leben für sich ausgeklammert hat. Ihr graues schlichtes Kostüm deutet auf streng kontrollierte Lebenslust hin. Aber die roten Schuhe verraten doch, dass ihre Leidenschaft für die Freuden des Lebens nicht gänzlich erloschen sind.

Der Vater hat einen undefinierten, aber nach eigener Auskunft mühevollen Job. Die Aktentasche, die er mit sich führt verrät allerdings, dass es sich wohl nicht um körperlich anstrengende Arbeit handelt. Er suhlt sich gerne in seinem Selbstmitleid und gibt Statements wie “Geld macht auch nicht glücklich”, “Wer soll denn für die Familie sorgen?!!” “Hauptsache wir haben uns” “Sei eine brave und gute Tochter, du willst doch deinen Eltern keinen Kummer machen.” von sich.

Die Eltern könnten jetzt ihr zermürbend langweiliges und freudloses Leben weiterführen, wäre da nicht Louise.

Louise ist aber halt wie sie ist, ein Mädchen, eine junge Frau, bis über beide Ohren verknallt in einen Dichter aus der Nachbarschaft, der ihr die Ohren vom schönen, bunten und lebenslustigen Paris vollsäuselt  und sie dazu bewegen will, gegen den Willen der Eltern, mit ihm nach Paris durchzubrennen. Natürlich ist Louise Feuer und Flamme. Die große weite Welt mit ihren Verlockungen wartet dort auf sie, während im Elternhaus weder der Bär tobt noch irgendeine Motivation zur Selbstverwirklichung gegeben wird.

Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Und, fällt euch was auf? Der Stoff dieser Geschichte ist vor mehr als hundert Jahren entstanden und doch ist er 1 zu 1 übertragbar in unsere Zeit. Auf ihre Töchter eifersüchtige Mütter, selbstmitleidige Väter, sich von Zwängen befreiende Kinder, überfürsorgliche Eltern. Die Egos prallen auch heute noch genauso aufeinander.

Mir hat die Inszenierung dieses Stücks gut gefallen. Die Geschichte entspinnt sich in einem Wartezimmer. Ein schlichter Raum, der mir als Zuschauer die Möglichkeit bietet, Gedanken schweifen zu lassen. Gut möglich, dass Louise mit ihrer Mutter in diesem Wartezimmer sitzt, wartet und sich aus lauter Langeweile alle Glücks- und Konfliktszenarien ausdenkt. Das Wartezimmer des Glücks. Andy Warhol hat mal gesagt:

They always say time changes things, but you actually have to change them yourself.

Also, liebe Louises dieser Welt, raus mit euch jetzt und zieht eure roten Schuhe an! … oder rote Socken.

Foto: photocase.de © i make design

PS: Manchmal ist mir das allgemeine Klatschverhalten des Publikums ein Rätsel. Die Darstellerin der Mutter hat meiner Meinung deutlich mehr Applaus verdient. Die Mutter-Tochter-Beziehung ist in dieser Geschichte zentral, sehe ich jedenfalls als Tochter einer Mutter so. Sie hat die Mutter großartig und überzeugend gespielt.
Und ausserdem ist am Ende der Schauspieler nicht gewürdigt worden, der während des Stücks nach der Riesenparty kopfüber an der Wand hängengeblieben ist. Im Zeitlupentempo und bestimmt über einen Zeitraum von 10 Minuten hat er sich so unauffällig wie möglich von der Wand geschält. Ein Meister der Körperbeherschung! :)

PPS: Übrigens hat das Webteam der Duisburger Philharmoniker das Einstimmen des Orchesters bei einem der letzten philharmonischen Konzerte eingefangen. Ausserdem findet ihr auf dem Blog der Philharmoniker jede Menge Bilder, Hintergrundinfos und Videos zu “Louise”.

11 Antworten to “Finale Furioso – Zeigt her eure Schuhe!”

  1. Mir hat es gefallen. – Auch wenn ich wenig Ahnung von Oper habe, die Inszenierung fand ich recht gut und dem Orchester zugucken zu können total spannend. Danke an die (und den!) Duisburger Philharmoniker und Dich.
    [crossposted]

  2. Klaudia sagt:

    Mir hat es auch gefallen. Ich habe gestern einer Freundin davon erzählt und da sagt sie mir, dass sie Opern sehr gerne mag! Tja, wußte ich nicht bis gestern. Wir werden dann wohl mal demnächst gemeinsam in die Oper gehen…

  3. Maria sagt:

    Ich war vor kurzem auch das erste mal in einer Oper und war positiv überrascht. Danke für diese ausführliche Inhaltsangabe. Das Stück steht nun auf meiner Liste ganz oben.

  4. Chikatze sagt:

    @Klaudia: Kannst ja mal gucken kommen, wenn ich bei “La Bohéme” in Duisburg oder Düsseldorf über die Bühne laufe und mit meinem Piccolo quietsche. ;) Winke dann auch. :)

  5. Klaudia sagt:

    Wie jetzt?! Bist du dabei? Wann denn?

  6. Chikatze sagt:

    jo. mach da öfter bühnenmusik. ;) weiß nicht, wann es wieder eine vorstellung gibt. we’ll see.

  7. Chikatze sagt:

    Haste gesehen übrigens: Das Orchester-Einstimmen kannste Dir jetzt hier bei den Klingeltönen der Duisburger runterladen! ;)
    http://www.dacapo-dp.de/index.php?option=com_content&view=article&id=73&Itemid=103

  8. Klaudia sagt:

    Dann lass es mich unbedingt wissen, bitte. :)

  9. Klaudia sagt:

    @Chikatze: deinen Kommentar mit dem Einstimmen hab ich ja jetzt erst im Spamordner entdeckt… Ja, ich weiß, das es diesen Klingelton gibt. Der wurde ja extra für mich gemacht ;)
    http://twitter.com/philharmoniker/statuses/945968286

  10. Chikatze sagt:

    Hehe! Achso!! :) Cool. Konnte ich ja nicht wissen! ;)

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