Schöne kleine Welt
Nie zuvor war der Mensch mit so unglaublich vielen Orientierungsgadgets ausgestattet wie heute. Und nie zuvor hat er sich so häufig in der Wildnis verirrt wie heute. Das kann ich leider nicht mit Zahlen und Statistiken belegen. Muss ich auch als Nicht-Qualitätsjournalistin nicht. Aber im Grunde ist das auch ganz einfach zu erklären. Wir gehen in die Natur, um zu wandern, einen Berg zu besteigen, die Antarktis zu durchqueren, einen Vulkan von innen zu erforschen oder den Niger von der Quelle bis zur Mündung in einem Paddelboot zu befahren. Wir wollen das am liebsten ganz allein machen, die Wildnis mit allen Sinnen spüren, an unsere (vermeintlichen) Grenzen gehen und uns und allen anderen beweisen, dass wir ziemlich tough sind und mit dem besten Orientierungssinn seit Menschengedenken ausgestattet sind.
Wir legen also unser GPS-Gerät ums Handgelenk, das Handy in den Rucksack und legen dazu vorsichtshalber noch ein Satellitentelefon. Und los geht’s. Wir haben alles im Griff, die Welt im Handgepäck und am Handgelenk. Kontrolliertes Abenteuer. Und dann?

Ja, dann bleibt unser Handgelenk-GPS bei einem unvorhergesehenen (natürlich) Sturz über einen rutschigen Abhang irgendwo in den Sträuchern hängen. Wir klettern wieder hoch, suchen stundenlang und finden es nicht wieder. Das Satellitentelefon ist beim Sturz in seine Einzelteile zerfallen und mitten im Niemandsland gibt es keinen Netzempfang. Die vorsichtshalber mitgenommene Landkarte ist in einem viel zu hohen Maßstab, denn eigentlich brauchten wir sie ja gar nicht. Und einen Kompass haben wir gar nicht erst mitgenommen. Die schöne kleine Welt ist plötzlich riesig. Wir haben keine Ahnung von Sternkonstellationen und wie man daraus bei Nacht die Himmelsrichtungen erkennt, “Nie-ohne-Seife-Waschen” hilft uns am Tag auch nicht weiter, mit Wolkenformationen können wir nichts anfangen und Wanderbewegungen von Tieren haben wir als Metropolenbewohner auch nie zu deuten gelernt. Wir sind orientierungslos.
Ok, der professionelle Abenteurer hat seine Erfahrungen gemacht und wird sich nicht völlig dem trügerischen Komfort technischer Errungenschaften ausliefern. Einem unerfahrenen und naiven Naturabenteurer wie mir, könnte so was aber ganz leicht passieren. Meine (kurze) Wanderung durch Norwegen werde ich relativ old school machen. Mein Handy nehme ich mit. Ich werde es aber voraussichtlich nicht nutzen können, abgesehen davon, dass es mir bei der Orientierung auch nichts nutzen kann. Wanderkarte und Kompass müssen genügen. Da es sich um eine angeblich gut beschilderte Wanderroute handelt, ist das Risiko, mich zu verirren, extrem gering. Beim nächsten Mal bin ich dann mutiger / übermütiger. Und vielleicht habe ich es bis dahin auch mit den Sternen raus.
Damals, als ich noch Heidi war, bin ich mich mit Freude in die riesigen Maisfelder meiner Oma gestürzt. Ganz tief rein, sodass ich nur aus weiter Entfernung die energischen Rufe meiner Oma hören konnte. Damals hatte ich vor Orientierungslosigkeit keine Angst.













hm. ja, berechtigte und spannende überlegungen, die du dir da machst. eigentlich scheiße, wie abhängig wir von technik heutzutage sind.
wurde mir damals beim segeln auch klar. wer einen segelschein macht, muß ja zumindest das navigieren ohne gps noch lernen. gut so, finde ich.
Finde ich auch gut und auch beruhigend, wenn ich wüßte der Skipper, weiß wo’s langgeht. Ich finde die ganzen Geräte ja auch spannend. Hätte gerne ein tolles GPS Gerät und finde mit Navi Autofahren toll und bequem. Aber irgendwie bleibt halt das über jahrtausende erlernte Wissen über Orientierung mittlerweile ziemlich auf der Strecke. Und ich finde zu unserem Nachteil. Es kann echt nicht schaden, ein wenig mehr darüber zu wissen und sich nicht immer auf die Technik verlassen zu müssen.
Im Joshua-Tree National Park (USA) hat sich mal jemand auf dem einzigen asphaltierten Rundwanderweg (2,4km) verlaufen. Aber als Ex-Marine kannte er genug Überlebenstechniken, um mehrere Tage in der Wüste zu überleben.
Orientierung ist also nicht allles.
@griesgram999 das ist fast unglaublich. Ich schätze, da war bestimmt ein Schlangenbiss, eine Vergiftung, Dehydrierung oder sowas im Spiel. In so einem Fall kann es mit der Orientierung wirklich problematisch werden.
Klaudia, da hast Du recht. Weil die blöde Technik ja dann nicht funktioniert, wenn man sie braucht. Mir ist das in Siena so gegangen. Da wollte ich mich mit meinem iphone für die Tagesflatrate von 15 Euro einbuchen und auch über die eingebaute Karten-Funktion navigieren. Aber das italienische UMTS-Netz war so lahm, dass ich es dann gelassen haben. Geht wohl nichts über Karte und Kompass so wie früher.